Interview mit Oberbürgermeister Dr. Gerhard Langemeyer, Dortmund
Dr. Gerhard Langemeyer
Prominenten-Interview zur WM 2006
Mit dem folgenden Interview des Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, Dr. Gerhard Langemeyer wird die Reihe, die bis zum Eröffnungstag am 6. Juni 2006 prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft Gelegenheit gibt, Meinungen und Erwartungen zur FIFA-WM in Deutschland zu äußern, fortgesetzt.
WFLV-AM: Fußball-Weltmeisterschaft 2006 - ist das für Sie nur ein internationales sportliches Großereignis oder mehr?
Dr. Gerhard Langemeyer: Die WM 2006 in Deutschland ist mehr als ein internationales sportliches Großereignis. Sie ist die einmalige Chance, der Welt nach der Wiedervereinigung 1990 Deutschland als exzellenten Gastgeber, als tolerantes, weltoffenes Land zu präsentieren. Natürlich ist es mein Wunsch, dass Deutschland selber „Weltmeister" wird, am besten auch in den Disziplinen Gastfreundschaft, Toleranz und Fröhlichkeit. Das wäre eine hervorragende Visitenkarte unseres Landes für die Weltöffentlichkeit.
WFLV-AM: Wie schätzen Sie die Erwartungen der anderen Nationen in Bezug auf den WM-Ausrichter Deutschland 2006 ein?
Dr. Gerhard Langemeyer: Die Erwartungen der Nationen, die an der WM teilnehmen werden, dürften ähnlich sein. Sicher wird man dabei Titelkämpfe erwarten, die neben einer „perfekten Organisation" und größtmöglicher Sicherheit, das unnachahmliche Flair eines traditionell begeisterungsfähigen Publikum sowie kulturelle Highlights vermitteln.
WFLV-AM: Gibt es einen ganz persönlichen Bezug/Wunsch, den Sie mit der WM 2006 verbinden?
Dr. Gerhard Langemeyer: Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir fröhliche, entspannte und in jeder Beziehung sichere Spiele in den zwölf WM-Städten erleben, die in Erinnerung bleiben sollten als eine WM der Herzlichkeit.
WFLV-AM: Die Fußball-WM im eigenen Lande wird auch für viele Kinder und Jugendliche das Interesse an dieser Sportart verstärkt wecken. Welche Möglichkeiten von Politik und Gesellschaft sollten Ihrer Meinung nach stärker genutzt werden, um das ehrenamtliche Engagement zur Nachwuchsbetreuung besser zu unterstützen/fördern?
Dr. Gerhard Langemeyer: Das vorhandene Instrumentarium im ehrenamtlichen Engagement zur Nachwuchsbetreuung ist besser, als man allgemein meint. Dabei bin ich der festen Überzeugung, dass Förderung nicht zwingend auf finanzielle Leistungen ausgerichtet sein muss. Viel wichtiger erscheint, dass ehrenamtliches Engagement in unserer Gesellschaft den hohen Stellenwert erhält, den es auch verdient. Hier in Dortmund sind wir da meines Erachtens auf einem guten Wege.
WFLV-AM: Die Weltmeisterschaften sind der internationale Vergleich der Nationalmannschaften - bringt der deutsche Fußballsport / die Talentförderung im deutschen Fußball genügend Spitzenspieler hervor oder hätten Sie Verbesserungsvorschläge?
Dr. Gerhard Langemeyer: Fußball ist nach wie vor in Deutschland die Nummer 1 und wird auch künftig die Nummer 1 bleiben. Wir haben hunderttausende Talente, die in den Vereinen begeistert ihren Sport betreiben. Ich möchte in diesem Zusammenhang einmal darauf hinweisen, dass in den letzten Jahren die A-Junioren von Borussia Dortmund fünfmal Deutscher Jugendmeister waren. Ähnliches gilt für die B-Junioren. Wie gesagt: Talente sind genügend da, wichtig ist aber, diese Talente behutsam zu fördern und an den Spitzenfußball ranzuführen. Ich glaube man muss dem Nachwuchs etwas mehr Zeit geben, damit er sich etablieren kann. Das ist natürlich gerade in einer schnelllebigen Zeit, wo auch der Fußball primär vom aktuellen Erfolg bestimmt wird, sehr schwierig.
WFLV-AM: Der WFLV wirbt mit der Kampagne „respect" im Rahmen des WM-Mottos „Zu Gast bei Freunden" für ein gewaltfreies Miteinander. Bei einem Viertel der Spielpaarungen, in drei Fußballstadien des Landes (DO, GE, K) werden hohe Anforderungen an Organisation, Verkehrsmittel und Sicherheit gestellt. Können wir diesen Erwartungen gerecht werden und unser Image in der Welt weiter verbessern?
Gerhard Langemeyer: Ich bin sicher, dass gerade durch die Aktivitäten in den Städten rund um die Fan-Feste ein wichtiger deeskalierender Ansatz gefunden worden ist. In Dortmund gibt es schon seit 1987 Fan-Treffs vor den internationalen Spielen des BVB, die sich außerordentlich bewährt haben und als Modell für UEFA und FIFA gelten. Wir haben ein Know How auf diesem Gebiet und werden unsere Strategien weiter verbessern und verfeinern, um den hohen Erwartungen gerecht zu werden.
WFLV-AM:Wie bewerten Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft auf den WM-Titel 2006 im eigenen Lande?
Dr. Gerhard Langemeyer: Meines Erachtens wird die Deutsche Nationalmannschaft 2006 eine gute bis sehr gute Rolle spielen. Meine Hoffnung ist, dass sie unter die letzten Vier vorstoßen kann und im Halbfinale im Dortmunder Westfalenstadion antritt.
WFLV-AM: Wo möchten Sie die Begegnungen der Fußball-WM 2006 am liebsten verfolgen?
Dr. Gerhard Langemeyer: Die Dortmunder Spiele möchte ich selbstverständlich gerne im Westfalenstadion erleben. Weitere Begegnungen werde ich sicherlich gemeinsam mit Zig-Tausenden von Besuchern auf dem Dortmunder Friedensplatz im Rahmen des dortigen Fan-Festes sehen und genießen.
WFLV-AM: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft (Herren) wurde seit den WM-Titeln 1954, 1974 und 1990 (und inzwischen auch Frauen 2003) als die „eigentliche Botschafterin Deut-schlands in der Welt" bezeichnet. Zahlreiche Fußballbegriffe haben Eingang in die Alltagssprache der Menschen gefunden. Ist für Sie Fußball auch „mehr als ein 1 : 0" - sind Ihnen Beispiele hierfür widerfahren?
Dr. Gerhard Langemeyer: Fußball ist mehr als ein 1 : 0 war die Devise des früheren DFB-Präsidenten Egidius Braun, der damit ein großes soziales Engagement verbunden hat. Ich habe insbesondere anlässlich der großen Erfolge des BVB in den letzten zehn Jahren auf nationaler und internationaler Ebene erlebt, wie Fußball die Menschen zusammenführt und in einem positivem „Wir-Gefühl" miteinander verbindet. Ich glaube, dass dieser verbindende Ansatz des Fußballs etwas ist, was unsere Gesellschaft dringend braucht. Hier gibt es durch den Fußball unverzichtbare Gemeinschaftserlebnisse.
WFLV-AM: Sehen Sie neben der Freude auf die WM 2006 und einem enormen Impuls für den Fußball auch den Wirtschaftsfaktor Fußball-WM 2006" - mit der Verbesserung der Infrastruktur, einem Beitrag zum Strukturwandel im Ruhrgebiet, einer „Welt-Medien-Präsenz Deutschlands" über Wochen?
Dr. Gerhard Langemeyer: Allein in Dortmund erwarten wir 500.000 Übernachtungen, die sich in klingender Münze in den Kassen der Hotels niederschlagen werden. Auch der Einzelhandel, das Beförderungsgewerbe, die Gastronomie etc. werden in einer Größenordnung von etwa 70 Mio. Euro von der WM allein in unserer Stadt profitieren. Da wir in Dortmund auch das Medienzentrum West haben und etwa 3.500 bis 4.000 Journalisten aus aller Welt erwarten, dürfte die Berichterstattung über Dortmund und die Region auf den unterschiedlichsten Gebieten wie Strukturwandel, Forschung und Wissenschaft, Land und Leute etc. von unschätzbarem Wert sein. Diese Chance wollen und müssen wir nutzen.
Freuen Sie sich auf das Statement von Oberbürgermeister Frank Baranowski, Gelsenkirchen, der in der nächsten Ausgabe der WFLV-AM Rede und Antwort stehen wird.