Visions of Football International Conference for the 2006 - FIFA World Cup TM München, 27. - 29. Juli 2005
Prof. Roland Naul
Schon vor Beginn des FIFA-Kongresses über Visionen des Fußballsports im Internationalen Kongresszentrum der Messe in München hatte diese Veranstaltung ihre Schlagzeilen: viel zu späte Ankündigung und Werbung für den Kongress, viel zu teuer angesetzt mit 1.250 Euro Teilnehmergebühren (ohne Unterkunft) und viel zu wenige Anmeldungen gegenüber der angestrebten Teilnehmerzahl, so die verschiedenen Kritiken in der Tagespresse. Wenige Wochen vor dem 27. Juli wurde sogar erwogen, die Veranstaltung unter der Schirmherrschaft von Franz Beckenbauer als Präsidenten des FIFA-WM Organisationskomitees 2006 ganz abzusagen wegen der zu geringen Anmeldezahlen. Trotz der kurzfristigen Reduzierung der Teilnehmergebühren für spezielle Zielgruppen fanden dann nicht mehr als ein gutes halbes Dutzend Sportwissenschaftler als Kongressteilnehmer den Weg nach München, die dort auch nur auf eine Kleingruppe ihrer Trainerkollegen traf. Die deutliche Mehrzahl der Teilnehmer des Kongresses waren Sportjournalisten, Vertreter aus der breiten Medienlandschaft des Fußballsports und der Wirtschaft, die zum Teil ihre Messestände im Foyer aufgebaut hatten. Natürlich waren auch einige Repräsentanten der FIFA, der UEFA und des deutschen Fußballsports aus dem DFB anwesend. Aber wo war der DFB, sieht man vom OK 2006 und der Sportmedizin einmal ab, mit seinen Projekten und Themen im Kongress-programm sichtbar? Und wo war der organisierte Fußballsport aus Bayern und anderen deutschen Landen geblieben?
Gut 250 Teilnehmer konnten dennoch am Mittwochnachmittag (27. Juli) vom Schirmherr Franz Beckenbauer, vom Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern, Dr. Edmund Stoiber und Oberbürgermeister der Stadt München, Christian Uhde sowie und vom Präsidenten der FIFA, Josef Blatter aus der Schweiz, begrüßt werden.
Der FIFA-Präsident, mit launigen Worten vom Moderator des Nachmittags, FOCUS-Chefredakteur Helmut Markfort, vorgestellt, war auch der einzige Referent zum ersten Kongressthema bzw. „Modul", wie es offiziell im Programm hieß: „Football and Society". Blatter beschrieb die weltumspannende Familie des Fußballsports, legte in seinen Worten dar, welche besondere soziale Bedeutung und welche Begegnungsformen für Spieler und Zuschauer das Fußballspiel in seiner Einfachheit, Dynamik und Emotionalität besitzt, welche Rolle der Fußball für Frieden und Freundschaft spielt und welche Funktionen der Fußball für Politik und Völkerverständigung hat und welches erzieherische Potential das Lernen, Trainieren und Spielen in einer Fußballmannschaft besitzt. Überraschend war, wie der FIFA-Präsident das Strampeln des Kindes im Mutterleibe dabei deutete: „es sagt, ich will Fußballspieler werden". Spätestens hier hätten sich viele Zuhörer nach Josef Blatter einen zweiten oder dritten Fachreferenten zum Thema „Fußball und Gesellschaft" gewünscht, nicht nur, um über die anderen, von ihm nicht genannten gesellschaftlichen Seiten des globalen Fußballsports etwas zu hören. Aber darüber z. B. über Spielertransfers, EU-Regelungen für Profisportler und alternative FIFA-Wünsche für den Fußballsport (6 Ausländer, 5 einheimische Profis pro Mannschaft), die Vor- und Nachteile des großen Ausländeranteils in der Bundesliga für die Spielkultur, die Entwicklung des Fußballsports in Afrika und Asien und die Förderung von Nachwuchsspielern in Deutschland wurde immerhin anschließend in einer „Talkrunde" mit Sepp Blatter, Lennart Johansson, Edmund Stoiber, Franz Beckenbauer und den beiden Gästen aus China und Südafrika (Zhang Jilong, Danny Jordaan) anregend und teilweise kontrovers diskutiert. Es mag vielleicht nur am Berichterstatter liegen, aber auch andere, dem Fußballsport zugewandte Professionen, vermissten zu dem Thema „Fußball und Gesellschaft" am Mittwochnachmittag einen wissenschaftlich gehaltvollen Vortrag und auch die Mitwirkung einer solchen Person im Rahmen der „Talkrunde".
Der zweite Kongresstag stand am Vormittag ganz im Zeichen des Themas „Fußball und Medien" und wurde vom ZDF-Sportjournalisten Wolf-Dieter Poschmann moderiert. Den Auftakt bildete der Vortrag von Prof. Dr. Hackforth von der TU München. Er stellte Ergebnisse seiner deutschen und internationalen Studien über das Berufsbild und Selbstverständnis von Sportjournalisten vor. Dabei referierte er auch über einige interessante Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Sportjournalisten: so schätzen sich deutsche Sportjournalisten deutlich höher als „Experten" des Sports ein als ihre ausländische Kollegen, die ihre Aufgabe stärker in der Sachinfor-mationen sehen und weniger im Infotainment, wie es mehrheitlich und deutlich im Unterschied zu ihnen die deutschen Fachkollegen meinen. Nachdem Josef Blatter die besonderen erzieherischen Werte und Ideale des Fußballsports noch am Vortag genannt hatte, waren viele Zuhörer nun davon überrascht, wie geringfügig dieser Aspekt im Selbsturteil der deutschen Sportjournalisten zu finden war, während hier die ausländischen Fachkollegen nach den Untersuchungen von Josef Hackforth das wiederum ganz anders beurteilten. Im Anschluss daran stellten Philipp Hennemann von der Firma „Infostrada" eine umfassende Internet-Datenbank für Medienpartner und Journalisten zum Thema Fußball vor und Charles-Henry Contamine, FIFA-Head of New Media, die verschiedenen Web-Auftritte der FIFA für Fans und die breite fußballinteressierte Öffentlichkeit.
Der zweite Teil des Vormittagsprogramms zum Thema „Medien" wurde von dem DFB-Präsidenten Mayer-Vorfelder, eröffnet, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der FIFA-Medienausschusses die Kon-gressteilnehmer begrüßte. Dabei verhehlte er nicht seine Enttäuschung: schließlich hatte er sich auf seinem Weg von Stuttgart nach München ebenso wenige Fahrzeuge auf der Autobahn gewünscht, wie die wenigen Teilnehmer im Kongresssaal, deren Zahl sich nach dem Auftakt am Mittwoch in der Tat fast halbiert hatte. Weitere Vorträge von Togay Baytali und Erich Laaser, der eine Präsident des internationalen Verbandes der Sportjournalisten, der andere Präsident des Verbandes der deutschen Sportjournalisten, sowie von Markus Siegler, FIFA-Kommunikationsdirektor, rundeten das Thema ab.
Einen interessanten Einblick in die Vorbereitungen der Übertragungen der Fußballspiele aus den Medienzentren an den WM-Stadien 2006 und ihre Vernetzung mit dem zentralen Medienzentrum für die FIFA-WM 2006 in der Messe München gab anschließend Wolfgang Niersbach, Vizepräsident des deutschen WM Organisationskomitees 2006 und zugleich Verantwortlicher für diesen Teil der WM in Deutschland. In einer abschließenden Talkrunde, an der u. a. der Sportkoordinator der ARD, Hagen Bossdorf, und der Geschäftsführer des DSF, Thomas Deissenberger, teilnahmen, ging es um die brisante Frage, ob in erster Linie der Fußballsport für die Medien da ist oder die Medien für den Fußballsport da sind. Alle Varianten der Berichterstattung und ihre Entwicklungsmerkmale, von der „alten" Sportschau über die RTL- und SAT-Fußballinszenierungen bis zur „neuen" Sportschau wurden von den Referenten und Diskussionsteilnehmern erörtert und dabei weniger einhellig als „gut" beurteilt noch umgekehrt nur „schlecht geredet". So wurde vor Gefahren für die Entwicklung und die finanzielle Abhängigkeit (Kirch) des Fußballsports von den Medien gewarnt, aber auch die fördernde Rolle der Medien für den Fußballsport betont. Diese Mühe und Breite in der Programmplanung zum Thema „Medien" hätten sich manche Kongressteilnehmer auch schon am Vortag zum Thema „Gesellschaft" gewünscht und dementsprechend vorstellen können.
Am Nachmittag ging es dann mit dem dritten Thema des FIFA-Kongresses weiter: „Football and Business". Prof. Dr. Egon Frank von der Universität Zürich eröffnete den Reigen mit einer kritischen betriebwirtschaft-lichen Analyse für die Spitzenclubs, die an den verschiedenen UEFA-Cup-Wettbewerben teilnehmen. Seine warnende Botschaft: die europäischen Top-Fußballvereine würden aufgrund der verbandsrechtlichen Rahmendaten für den nationalen Liga-Betrieb und der UEFA-Wettbewerbe ihren eigenen wirtschaftlichen Ruin mit immer größerer Verschuldung betreiben. Er wählte als Beispiel dafür den markigen Begriff der „Käse-Ratten": die vielen Clubs würden wie Ratten auf die paar Käsestückchen zulaufen. Wie nur wenige der schnellsten Ratten die wenigen Käsestücken erreichen können, so könnten auch nur die reichsten Clubs mit den größten Investitionen und höchsten Etats diese Wettbewerbe gewinnen. Mit statistischen Daten aus den letzten 20 Jahren belegte der Referent seine These, dass immer weniger Clubnamen in den Erfolgslisten zu finden sind, während immer mehr Clubs für das Anstreben dieser Erfolge ihre Investitionen und damit ihre Verschuldung höher schrauben. Nur noch einige Spitzenclubs aus den „big four" Ligen (England, Spanien, Italien und Deutschland) können an diesem „Rattenrennen um den Käse" in den letzten Jahren erfolgreich teilnehmen. Frank plädierte für ein ökonomisches Umdenken und empfahl, den europäischen Liga-Betrieb neu zu gestalten z. B. durch Einführung einer eigenständigen „Euro-Liga", mit Aufsteiger aus und Absteiger in die nationalen Ligen oder am besten gleich nach amerikanischen Vorbild und den dortigen Profiligen ohne solche Regelungen, aber mit Umverteilung der Spieler und Ausbalancierung aller Clubs in einem homogenen Leis-tungsgefüge der Liga, jeweils von Saison zu Saison. Für Diskussionsstoff war damit reichlich gesorgt, doch diskutiert wurde nicht. Selbst der offensichtlich überforderte Moderator leitete nur zum nächsten Unterthema über, das der Referent indirekt angesprochen hatte; dem „club branding" oder zu gut deutsch: die Vermarktung des Produkts „Fußballclub" als „Markenzeichen". Hier sind drei interessante Vorträge hervorzuheben: Urs Linsi, FIFA-Generalsekretär, stellte das Marketingkonzept des Weltverbandes für die WM 2006 vor. Herbert Hainer, Vorstandsvorsitzender der Adidas-Solomon AG, erläuterte das Sponsoring-Konzept seines Konzerns und Andres Jung beeindruckte mit den erfolgreichen Geschäftszahlen aus Sponsoring, Marketing und Merchandising der „Marke Bayern München". Eine Talkrunde zum Thema „Fußball und Business", an der auch der geschäftsführende Präsident des DFB, Dr. Theo Zwanziger teilnahm, rundeten das Thema und diesen Nachmittag ab.