Mit dem folgenden Interview des Geschäftsführenden DFB-Präsidenten, Dr. Theo Zwanziger, wird die Reihe, die bis zum Eröffnungstag am 6. Juni 2006 prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft Gelegenheit gibt, Meinungen und Erwartungen zur FIFA-WM in Deutschland zu äußern, fortgesetzt.
WFLV-AM: Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland - ist das für Sie nur ein internationales sportliches Großereignis oder mehr?
Dr. Theo Zwanziger: Ich denke, gerade die ersten Wochen dieses Jahres haben uns wieder vor Augen geführt, wie groß die gesamtgesell-schaftliche Aufmerksamkeit für dieses Ereignis ist. Das geht weit über ein rein sportliches Event hinaus. Schon heute ist die FIFA WM 2006 Tagesthema auch im Feuilleton und im Wirtschaftsteil. Das freut uns natürlich, denn wir haben von Anfang an versucht, durch unsere Arbeit auch an die Menschen heranzukommen, die keinen Platz im Stadion finden. Ich nenne da nur die Schul- und Talent-Kampagnen für Kinder und Jugendliche, das Volunteer-Programm und auch das Kunst- und Kulturprogramm. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, die vielfältigen Chancen und Verbindungen des Fußballs in unserer Gesellschaft deutlich zu machen.
WFLV-AM: Wie schätzen Sie die Erwartungen der anderen Nationen in Bezug auf den WM-Ausrichter Deutschland ein?
Dr. Theo Zwanziger: Die Erwartungen sind hoch, übrigens auch unsere eigenen - und das ist gut so. Deutschland hat sich als Organisator in den vergangenen Jahren einen exzellenten Ruf erarbeitet. Das gilt nicht nur für die WM 1974 und EURO 1988. Männer wie Hermann Neuberger, Egidius Braun oder unser Generalsekretär Horst R. Schmidt haben sich in den vergangenen Jahrzehnten im FIFA-WM-Organisationskomitee großen Respekt und ein unglaubliches Know-How erworben. So etwas kann man gar nicht bezahlen. Aber bei allen notwendigen Vorbereitungen - am Ende werden wir vor allem an den zentralen Punkten gemessen werden, die immer die gleichen bleiben: Stadien, Fans, Sicherheit, Rasenqualität. Und natürlich vor allem die Spiele selbst. Letztes können wir nur bedingt beeinflussen. Alles andere muss gut funktionieren. Das ist unsere Pflicht.
WFLV-AM: Gibt es einen ganz persönlichen Bezug / Wunsch, den Sie mit der WM 2006 verbinden?
Dr. Theo Zwanziger: Natürlich wünsche ich mir, dass es dem vereinten Deutschland gelingt, sich der Welt als ein gastfreundliches, friedliches und optimistisches Land zu präsentieren. Auch, wenn das vermessen klingt: Es wäre schön, wenn dieses Turnier, vielleicht ähnlich wie es 1954 war, dem Land selbst mit all seinen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Diskussionen ein positives Signal geben könnte. Darüber würde ich mich freuen. Und nicht zuletzt (lachend): Gerne würde ich auch im Land des Weltmeisters wohnen.
WFLV-AM: Die Fußball-WM im eigenen Lande wird auch für viele Kinder und Jugendliche das Interesse an dieser Sportart verstärkt wecken? Welche Möglichkeiten von Politik und Gesellschaft sollten Ihrer Meinung nach stärker genutzt werden, um das ehrenamtliche Engagement zur Nachwuchsbetreuung besser zu unterstützen/fördern?
Dr. Theo Zwanziger: Es reicht nicht aus, die Wichtigkeit des Ehrenamts immer nur in Reden hervorzuheben, man muss auch konkret etwas dafür tun. Dazu gehört auf der einen Seite, Respekt für die Menschen zu schaffen, die ihre Freizeit nutzen, um anderen und damit dem Gemeinwesen, letztlich uns allen zu helfen. Wir müssen zweitens stärker hervorheben, dass Ehrenamt nicht nur mit Pflicht und Opfern zu tun hat, sondern - ganz im Gegenteil - Freude und persönliche Bereicherung sein kann. Schließlich, und das ist ein Hinweis an die Politik, muss man dieses Engagement in unseren Verein auch finanziell besser stellen. In unseren 26.000 Vereinen werden schließlich Millionen Arbeitsstunden jährlich investiert in Kinder und Jugendliche, in Gesundheit und Gemeinwesen.
WFLV-AM: Die Weltmeisterschaften sind der internationale Vergleich der Nationalmannschaften - bringt der deutsche Fußballsport / die Talentförderung im deutschen Fußball genügend Spitzenspieler hervor oder hätten Sie Verbesserungsvorschläge?
Dr. Theo Zwanziger: Ich denke, dass in den vergangenen Jahren die Entwicklung ganz spürbar aufwärts gegangen ist. Wir hatten einige Jahre lang Probleme. Vielleicht haben wir in den Zeiten der großen Erfolge in den Vereinen und Verbänden auch nicht genug getan. Das ist menschlich, nicht nur in Deutschland, auch in anderen großen Fußballnationen. Aber wenn ich sehe, wie viele junge, talentierte Spieler in unseren Junioren-Nationalmannschaften spielen, geht mir das Herz auf. Jürgen Klinsmann hat doch mehr als eine Hand voll Spieler in seinem Team, die noch in der U 21 spielen könnten. Und die U 21 mit Dieter Eilts ist auch ohne diese herausragenden Spieler seit langem ungeschlagen. Wichtig ist vor allem, dass diese Spieler in der Bundesliga mittlerweile wieder Spielpraxis bekommen. Dennoch gibt es natürlich immer Verbesserungsmöglichkeiten, die wir diskutieren, sei es in der Trainerausbildung oder der absoluten Spitzenförderung. So brauchen wir mit Sicherheit mehr Eliteschulen des Fußballs und eine weitere Optimierung der Bundesleistungszentren.
WFLV-AM: Der WFLV wirbt mit der Kampagne „respect" im Rahmen des WM-Mottos „Zu Gast bei Freunden" für ein gewaltfreies Miteinander. Bei einem Viertel der Spielpaarungen, in drei Fußballstadien des Landes NRW werden hohe Anforderungen an Organisation, Verkehrsmittel, Sicherheit gestellt. Können wir diesen Erwartungen gerecht werden und unser Image in aller Welt verbessern?
Dr. Theo Zwanziger: Der Sicherheitsaspekt ist einer der zentralen Punkte im Gesamtkonzept dieser Weltmeis-terschaft. Wir arbeiten, übrigens auch im Rahmen normaler Bundes- und Länderspiele, intensiv mit allen relevanten staatlichen wie kommunalen Sicherheitsbehörden zusammen. Die Dimension bei einer WM wird natürlich auch in diesem Bereich wesentlich größer sein - allein wegen des internationalen Aspekts.
Das ist die eine, repressive Seite, die äußerst bedeutsam ist. Kampagnen wie „respect" arbeiten präventiv und sind nicht minder bedeutsam. Durch gemeinsame Aktionen mit den Fans aus aller Welt, durch eine positive Gesamtstimmung kann schon im Vorfeld ein friedliches Klima geschaffen werden, das ein ganzes Turnier trägt. Wir versuchen, mit unserem Besucherkonzept beides zu fördern und sind froh und dankbar, dass die Verbände, die Fanclubs, auch die sozialen Träger vor Ort ihre Erfahrungen für ein gewaltfreies Turnier einbringen.
WFLV-AM: Wie bewerten Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft auf den WM-Titel 2006 im eigenen Lande?
Dr. Theo Zwanziger: Wie war das noch mit dem Zitat von Gary Lineker: „... Fußball ist ein Spiel elf gegen elf und am Ende gewinnt immer ..."? Nein, im Ernst. Jürgen Klinsmann hat vor anderthalb Jahren ein Ziel ausgegeben, an das er und sein Team glauben: den Titel. Ich finde das beeindruckend und bin fasziniert davon, mit welcher Akribie und Überzeugung er dieses Ziel angeht. Wenn es dann am Ende nicht reicht, und seine Mannschaft nach einem tollen Spiel in der K. O.-Runde gegen einen besseren Gegner ausscheidet, werden alle zufrieden sein. Wenn Sie internationale Spieler und Trainer fragen, werden Sie feststellen, dass der Respekt vor Deutschland als Turniermannschaft immer noch sehr groß ist. Nicht zuletzt wegen der WM 2002 in Korea und Japan. Damals rechnete niemand mit der Mannschaft und wir standen im Finale. Dieses Mal haben wir den Heimvorteil ...
WFLV-AM: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft (Herren) wurde seit den WM-Titeln 1954, 1974 und 1990 (und inzwischen auch Frauen 2003) als die „eigentliche Botschafterin Deutsch-lands in der Welt" bezeichnet. Zahlreiche Fußballbegriffe (rote/gelbe Karten, Abseits, Ball flach halten) haben Eingang in die Alltagssprache der Menschen gefunden. Ist für Sie Fußball auch „mehr als ein 1 : 0" - sind Ihnen Beispiele hierfür widerfahren?
Dr. Theo Zwanziger: „Fußball - mehr als ein 1 : 0" - dieses Motto wird für mich immer verbunden bleiben mit dem hoch verehrten Egidius Braun, der es vor mehr als zehn Jahren prägte. Es war nach dem schrecklichen Brandanschlag 1992 in Solingen, als er sofort erkannte, dass auch der Fußball mit seiner menschenverbinden-den Kraft helfen muss. Ein Benefizspiel der Nationalmannschaft gegen eine Auswahl ausländischer Bundesligastars war der Anfang. Heute sind wir mit der DFB-Stiftung Egidius Braun und der Sepp Herberger-Stiftung auf vielen Feldern aktiv: Integration, Prävention, Behindertensport, Hilfe in Notlagen. Ich bin froh und stolz an dieser Entwicklung ein Stück weit mitgewirkt zu haben.
WFLV-AM: Sehen Sie neben der Freude auf die WM 2006 und einem enormen Impuls für den Fußball auch den „Wirtschaftsfaktor Fußball WM 2006" - mit der Verbesserung der Infrastruktur, einem Beitrag zum Strukturwandel im Ruhrgebiet, einer „Welt-Medien-Präsenz Deutschlands" über Wochen?
Dr. Theo Zwanziger: Es ist ja schon bisher sehr viel Geld investiert worden. Wenn ich mir die tollen Arenen anschaue, die mittlerweile landauf, landab entstanden sind, von Leipzig bis Gelsenkirchen, von Hamburg bis München - das findet man in dieser Form in keinem Land und davon wird nicht nur der Fußball langfristig profitieren. Allein in Stadien, Verkehrswege und Infrastruktur sind mittlerweile rund 3,5 Milliarden Euro investiert worden. Laut einer aktuellen Studie wird natürlich vor allem der Tourismusbereich von der WM profitieren. Hier wird eine weitere Milliarde Euro erwartet, dazu kommt ein Wachstumsschub durch zusätzliche Konsumausgaben und höhere Steuereinnahmen. In welchem Maße Städte und Regionen diesen Schub für ihr eigenes Image nutzen, muss man sehen. Ich denke aber, dass gerade die Menschen im Wes-ten, wo Deutschlands Fußballherz schlägt, die vielen Gäste aus aller Welt mit offenen Armen willkommen heißen werden. Milliarden Menschen werden das Geschehen rund um den Erdball begleiten. Was wir daraus machen, kulturell, sozial, wirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich, liegt an jedem Einzelnen von uns.
Freuen Sie sich auf ein neues Statement von Dr. h. c. Egidius Braun in der nächsten Ausgabe der WFLV-AM.