Interview mit Dr. h. c. Egidius Braun, Ehrenpräsident DFB
Dr. h.c. Egidius Braun
Prominenten-Interview zur WM 2006
Mit dem folgenden Interview des Ehrenpräsidenten des DFB und des Ehrenmitgliedes des WFLV, Dr. h. c. Egidius Braun wird die Reihe, die bis zum Eröffnungstag am 6. Juni 2006 prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft Gelegenheit gibt, Meinungen und Erwartungen zur FIFA-WM in Deutschland zu äußern, fortgesetzt.
WFLV-AM: Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland - ist das für Sie nur ein internationales sportliches Großereignis oder mehr?
Egidius Braun: Es ist mehr, viel mehr sogar. Wer mich kennt, der weiß, dass ich die Bedeutung des Fußballs nicht nur an sportlichen Faktoren messe. Der Fußball wirkt weit über Sieg oder Niederlage hinaus. Mit der WM 2006 im eigenen Land haben wir die wunderbare Gelegenheit, Deutschland als friedlichen Mittelpunkt Europas der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Dieser Gedanke war maßgebend, als sich der DFB 1992 entschlossen hatte, sich für diese Fußball-Weltmeisterschaft zu bewerben.
WFLV-AM: Wie schätzen Sie die Erwartungen der anderen Nationen in Bezug auf den WM-Ausrichter Deutschland in 2006 ein?
Egidius Braun: Wir werden an dem offiziellen WM-Slogan gemessen werden: Die Welt zu Gast bei Freunden. Aber auch ein reibungsloser , organisatorischer Ablauf wird wichtig sein. Ich bin davon überzeugt: Die teilnehmenden Nationen und die Fußballfans aus aller Welt werden nicht enttäuscht werden.
WFLV-AM: Gibt es einen ganz persönlichen Wunsch, den Sie mit der WM 2006 verbinden?
Egidius Braun: … den habe ich bereits formuliert: Ich wünsche mir friedvolle WM-Wochen, die für alle Fußballfans weltweit zu einem riesengroßen Fest werden sollen.
WFLV-AM: Die Fußball-WM im eigenen Land wird auch für viele Kinder und Jugendliche das Interesse an dieser Sportart verstärkt wecken. Welche Möglichkeiten von Politik und Gesellschaft sollen Ihrer Meinung nach stärker genutzt werden, um das ehrenamtliche Engagement zur Nachwuchsbetreuung besser zu unterstützen?
Egidius Braun: Diese Frage möchte ich ganz generell beantworten: Das Ehrenamt muss in allen gesellschaftlichen Bereichen noch stärker anerkannt werden. Wir im DFB fördern den Ehrenamtsgedanken mit einigen Projekten und werden nicht müde, dies auch weiterhin engagiert zu tun. Denn wir wissen: Ohne die Ehrenamtlichen geht nichts im Fußball - und nicht nur im Fußball. Menschen, die sich ehrenamtlich einsetzen, ob im Sport, in der Kirche oder sonst wo, sind eine wichtige, unverzichtbare gesellschaftliche Kraft.
WFLV-AM: Die Weltmeis-terschaften sind der internationale Vergleich der Nationalmannschaften - bringt der deutsche Fußballsport genügend Spitzenspieler hervor oder hätten Sie Verbesserungsvorschläge?
Egidius Braun: Mit der Talentförderung befassen sich in dieser Zeit viele Experten unserer faszinierenden Sportart. Ich möchte mich in diese Diskussion öffentlich nicht einmischen.
WFLV-AM: Der WFLV wirbt mit der Kampagne „respect" im Rahmen des WM-Mottos „Zu Gast bei Freunden" für ein gewaltfreies Miteinander. Bei einem Viertel der Spielpaarungen, in drei Fußballstadien des Landes (DO, GE, K) werden hohe Anforderungen an Organisation, Verkehrsmittel und Sicherheit gestellt. Können wir diesen Erwartungen gerecht werden und unser Image in der Welt verbessern?
Egidius Braun: Ich habe absolutes Vertrauen in das OK-Präsidium und in die Arbeit des gesamten Organisationskomitees. Wir haben bereits bei der WM 1974 sowie bei der Europameisterschaft 1998 mit einer guten Organisation das Vertrauen aller gerechtfertigt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, auch im Sommer die Anforderungen, die noch nie so hoch waren, zu erfüllen.
WFLV-AM: Wie bewerten Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft auf den WM-Titel 2006 im eigenen Land?
Egidius Braun: Über dieses Thema wird wie über die Nachwuchsarbeit viel und heftig diskutiert. Ich möchte nicht spekulieren, dafür aber um Vertrauen werben. Diese ehrgeizige, junge Mannschaft hat es verdient. Für mich persönlich ist entscheidend, wie sich unsere Nationalmannschaft auf dem Platz und auch außerhalb des Spielfeldes präsentiert. Ein beherztes Auftreten wie beim Confederation Cup 2005 - das wäre großartig.
WFLV-AM: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft (Herren) wurde seit den WM-Titeln 1954, 1974 und 1990 (und inzwischen auch die Frauen 2003) als die „eigentliche Botschafterin Deutschlands in der Welt" bezeichnet. Zahlreiche Fußballbegriffe (rote/gelbe Karten, Abseits, Ball flach halten) haben Eingang in die Alltagssprache der Menschen gefunden. Ist für Sie Fußball auch „mehr als 1 : 0" - sind Ihnen Beispiele hierfür widerfahren?
Egidius Braun: Fußball ist mehr als
1 : 0 - dieses Motto hat mein Handeln im Fußball immer bestimmt. Das soziale und gesellschaftspolitische Engagement ist neben dem professionellen Fußball und dem Amateurfußball als dritte Säule im Gefüge des DFB felsenfest verankert. Unsere zahlreichen Aktionen und Projekte, die wir mit unseren beiden Stiftungen umsetzen, sind hierfür die besten Beispiele. Für mich gibt es nichts Wichtigeres, den Fußball dafür einzusetzen, um Menschen in Not, vor allem Kindern, zu helfen. Kindern und Menschen in Not eine Perspektive aufzuzeigen und dieses Ziel durch und mit dem Fußball zu verwirklichen - das ist eine Verantwortung, die sich der DFB stellt.
WFLV-AM: Sehen Sie neben der Freude auf die WM 2006 und einem enormen Impuls für den Fußball auch den „Wirtschaftsfaktor Fußball WM 2006" - mit der Verbesserung der Infrastruktur, einem Beitrag zum Strukturwandel im Ruhrgebiet, einer „Welt-Medien-Präsenz Deutschlands" über Wochen?
Egidius Braun: Die Experten sind sich darüber einig, dass die WM 2006 unserem Land großen wirtschaftlichen Nutzen bringen wird. Studien belegen den Nutzen auch in Zahlen. Die zwölf WM-Städte haben zudem die einmalige Möglichkeit, sich einem Weltpublikum zu präsentieren. Für das Standortmarketing der Städte eröffnet die mediale Präsenz dieser Weltmeis-terschaft große Chancen. Bei allem ist nur eines wichtig: Wir müssen das WM-Motto mit Leben füllen: Die Welt zu Gast bei Freunden!
Freuen Sie sich auf ein neues Statement von Sportminister Dr. Ingo Wolf in der nächsten Ausgabe der WFLV-AM.