Mit dem folgenden Interview des Innen- und Sportministers, Dr. Ingo Wolf wird die Reihe, die bis zum Eröffnungstag am 6. Juni 2006 prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft Gelegenheit gibt, Meinungen und Erwartungen zur FIFA-WM in Deutschland zu äußern, fortgesetzt.
WFLV-AM: Fußball-Weltmeisterschaften 2006 in Deutschland - ist das für Sie nur ein internationales sportliches Großereignis oder mehr?
Dr. Ingo Wolf: Die Fußball-WM hier in Deutschland zu haben, ist tatsächliches ein großartiges - nicht nur sportliches - Ereignis, das wir hier so schnell nicht wieder erleben werden. Ein Schwerpunkt liegt mit drei Spielorten und acht Mannschaftsquartieren in NRW. Wir tun alles, damit unsere Besucher hier wirklich „zu Gast bei Freunden" sind. Wir präsentieren uns weltoffen, freundlich und nicht zuletzt auch sicher. Unsere Polizei und unser Katastrophenschutz sind dafür gut vorbereitet. Außerdem haben wir frühzeitig eine Gastgeberkampagne gestartet, an der neben der Landesregierung und allen Ausrichterstädten auch der DFB und der LandesSportBund beteiligt sind. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir ein einzigartiges Weltfest des Fußball-Sports erleben werden - und darauf freue ich mich.
WFLV-AM: Wie schätzen Sie die Erwartungen der anderen Nationen in Bezug auf den WM-Ausrichter Deutschland in 2006 ein?
Dr. Ingo Wolf: Die Erwartungen sind natürlich sehr hoch. Zum einen müssen die sportlichen Voraussetzungen optimal sein: Stadien, Trainingsplätze und die sonstigen äußeren Rahmenbedingungen für die Teams entsprechen hier in Deutschland flächendeckend internationalen Standards. Die Spielorte verfügen über modernste Fußballarenen und eine gute Infrastruktur. Wir haben zum Beispiel allein etwa 200 Millionen Euro in den Ausbau von Straßen und in die Entwicklung des öffentlichen Personennahverkehrs gesteckt. Zum anderen stellt eine derartige Veranstaltung ebenso höchste Anforderungen an die Sicherheitskräfte: Auch hier haben wir genügend Erfahrungen mit internationalen Großveranstaltungen, so dass sich unsere Gäste jederzeit innerhalb und außerhalb der Stadien sicher fühlen können. Die Welt freut sich auf eine spannende und sichere WM - und Deutschland wird dafür sorgen, dass die Welt ihr Fußball-Fest bekommt.
WFLV-AM: Gibt es einen ganz persönlichen Bezug/Wunsch, den Sie mit der WM 2006 verbinden?
Dr. Ingo Wolf: Vor allem wünsche ich mir sichere Spiele und sportlich faire Partien. Meine Idealvorstellung ist, dass ich in den Medienberichten rund um die WM nicht ein einziges Mal die Worte Doping oder Manipulation lesen müsste.
WFLV-AM: Wie bewerten Sie die WM 2006 aus Ihrer beruflichen Perspektive? Gibt es da Berührungspunkte?
Dr. Ingo Wolf: Als Innen- und Sportminister des Landes, in dem 16 WM-Begegnungen - immerhin ein Viertel aller Spiele - stattfinden, habe ich natürlich eine ganz besondere berufliche Sicht auf das Ereignis. Auf allen nationalen und internationalen Ebenen laufen die notwendigen Gespräche und Vorbereitungen für dieses Großereignis schon seit Jahren. Wir haben viel dafür getan, dass nicht nur die Spiele selbst, sondern auch alle Rahmenveranstaltungen friedlich und sicher stattfinden können. In der richtigen Balance von Freiheit und Sicherheit haben Chaoten und Gewalttäter keine Chance.
WFLV-AM: Die Fußball-WM im eigenen Lande wird auch für viele Kinder und Jugendliche das Interesse an dieser Sportart verstärkt wecken. Welche Möglichkeiten von Politik und Gesellschaft sollten Ihrer Meinung nach stärker genutzt werden, um das ehrenamtliche Engagement zur Nachwuchsbetreuung besser zu unterstützen/fördern?
Dr. Ingo Wolf: Zur Förderung des Ehrenamts bedarf es einer hohen Kooperationsbereitschaft verschiedenster Organisationen und Institutionen. Die Landesregierung NRW sieht dabei neben den Vereinen und Verbänden vor allen Dingen folgende Partner mit in der Verantwortung: die Unternehmen und die Medien sowie die Partner des Sports in der Kultur und andere Institutionen, für die Sport eine wichtige Rolle spielt. Aber auch das Gesundheitswesen ist ein immer wichtigerer Bereich für den Sport ist. Die Einrichtungen des Bildungswesens, von den Kindergärten über die Schulen bis zu den Hochschulen, prägen entscheidend die Einstellung zum Sport. Zudem müssen die Kommunen die wichtigsten infrastrukturellen Voraussetzungen für das sportliche Treiben schaffen. Ehrenamtliches und freiwilliges bürgerschaftliches Engagement sind herausragende Kennzeichen eines funktionierenden Gemeinwesens. Ein wichtiges Element zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements ist die Übungsleiterpauschale, die vorrangig die Übungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie mit Menschen mit Handicaps unterstützen soll. Es ist ein richtiges Signal, dass diese Pauschale in NRW bei allen Konsolidierungsanstrengungen unangetastet geblieben ist.
WFLV-AM: Die Weltmeisterschaften sind der internationale Vergleich der Nationalmannschaften - bringt der deutsche Fußballsport/die Talentförderung im deutschen Fußball genügend Spitzenspieler hervor oder hätten Sie Verbesserungsvorschläge?
Dr. Ingo Wolf: Die Landesregierung bekennt sich ausdrücklich zum Leis-tungssport. NRW braucht Eliten im Sport, die andere Menschen motivieren, sich selbst sportlich zu engagieren. Das gilt natürlich vor allem für eine so verbreitete Sportart wie den Fußball. Die führenden Sportnationen haben alle wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Spitzensportlerinnen und Sportler genutzt und ein viel dichteres Betreuungssystem aufgebaut als Deutschland. Hier wird zu wenig sys-tematisch gearbeitet. Das große, weltweit anerkannte Potential im Bereich der Trainingswissenschaften der Deutschen Sporthochschule Köln wird unzureichend genutzt. Dies soll sich ändern. Wir werden fünf neue NRW-Sportschulen fördern. Sie sind Projekte im Sinne des Verbundsystems von Schule und Leistungssport, haben aber ein weit darüber hinaus gehenden Anspruch - sie sollen für alle Schülerinnen und Schüler ein breit ausgerichtetes, qualitativ und quantitativ besseres Sportangebot bereithalten. So können wir noch mehr dafür tun, dass demnächst die Nachfolger von Ballack, Podolski und Kahn aus einem breiten Angebot von Nachwuchsspielern ausgesucht werden können.
WFLV-AM: Wie bewerten Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft auf den WM-Titel im eigenen Lande?
Dr. Ingo Wolf: Wenn alle unsere Spieler ihre Bestleistungen einbringen und zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Form sind, traue ich ihnen viel zu. Bekanntermaßen ist die deutsche Mannschaft eine Turniermannschaft, die schon für viele Überraschungen gerade bei Weltmeisterschaften gesorgt hat. Also drücke ich - wie Millionen andere Fans auch - die Daumen, dass unsere Nationalmannschaft das wiederholen kann, was 1954, 1974 und 1990 schon einmal geklappt hat!
WFLV-AM: Wo möchten Sie die Begegnungen der Fußball-WM 2006 am liebsten verfolgen?
Dr. Ingo Wolf: Als Innenminister in NRW, der auch für den Bereich Sport zuständig ist, habe ich bei einigen Spielen die dienstliche Verpflichtung, unser Land und Deutschland gegenüber unseren Gästen zu repräsentieren und werde deshalb im Stadion live dabei sein. Andere Spiele werde ich mir dann aber auch gern zu Hause vor dem Fernseher mit Familie und Freunden ansehen und auch das sicherlich genießen.
WFLV-AM: Sehen Sie neben der Freude auf die WM 2006 und einem enormen Impuls für den Fußball auch den „Wirtschaftsfaktor Fußball WM 2006" - mit der Verbesserung der Infrastruktur, einem Beitrag zum Strukturwandel im Ruhrgebiet, einer „Welt-Medien-Präsenz Deutschlands" über Wochen?
Dr. Ingo Wolf: Ganz ohne Zweifel bieten solche sportlichen Großveranstaltungen immer auch einen enormen Anschub für die Wirtschaft eines Landes. Wesentliche Faktoren haben Sie schon in der Frage aufgezählt. Von nachhaltigen Verbesserungen in der Infrastruktur - über 200 Mio. Euro werden in ÖPNV- und Straßenbau-Infrastrukturvorhaben investiert - profitieren die Menschen in NRW langfristig. Damit sich die vielen Gäste rund um die Spiele und die Public-Viewing-Veranstaltungen bei uns rundum wohl fühlen können, werden wir uns als hervorragender Kultur- und Wirtschaftsstandort präsentieren. Dazu gehört beispielsweise auch, dass wir längere Ladenöffnungszeiten anbieten. Diesen Kick kann unser Land brauchen und ich hoffe, dass wir den Schwung der Fußball-WM auch über deren Ende hinaus für die Stimmung und den dringend benötigten Aufschwung nutzen können.
Freuen Sie sich auf ein neues Statement von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in der nächsten Ausgabe der WFLV-AM.