An der Universität Münster wird zurzeit an einer soziologischen Studie über den Amateurfußball im Seniorenbereich gearbeitet. Grundlage der Untersuchung ist eine schriftliche Befragung von Fußballspielern in Nordrhein-Westfalen, die der Westdeutsche Fußball- und Leichtathletikverband als Kooperationspartner der Uni Münster in einer zufälligen Stichprobe postalisch durchgeführt hat. Immerhin ca. 600 Spieler haben die Fragebögen ausgefüllt zurückgeschickt. Ihnen sei an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt.
Damit konnten für die unterschiedlichen Ligen in etwa folgende Stichproben aus der Gesamtheit aller Spieler gezogen werden:
Oberliga
6,5 %
Verbandsliga
5,2 %
Landesliga
3,3 %
Bezirksliga
1,1 %
Kreisliga
0,2 %
Um herauszufinden, wer eigentlich Fußball spielt, welche Rolle der Fußball im Leben der Spieler einnimmt und welche Zusammenhänge zwischen der allgemeinen Lebensführung und der Fußballkarriere bestehen, wurde neben den biografischen Daten nach den Karriereverläufen und den Lebensgewohnheiten der Spieler gefragt. Ziel der Studie ist es, den Amateurfußball als gesellschaftliches Alltagsphänomen zu erforschen und mit dem Wissen z.B. auch Maßnahmen der allgemeinen Verbandsplanung, der sozialen Integration und der Leistungsförderung zu optimieren.
Erste z.T. auch überraschende Auswertungsergebnisse sollen im folgenden vorgestellt werden. Sie zeigen u.a., dass zwischen den Spielern auf unterschiedlichen Leistungsebenen des Amateurfußballs auch einige auffällige soziale Differenzen festzustellen sind.
Betrachtet man zunächst die Berufe der befragten Spieler insgesamt, scheinen wir uns von der traditionellen Vorstellung verabschieden zu müssen, Fußball sei ein Sport der Arbeiter bzw. der „kleinen Leute“. Dieser Mythos wurde 1977 noch durch eine wissenschaftliche Studie [Schlagenhauf, Karl (1977): Sportvereine in der Bundesrepublik Deutschland. Schorndorf] gestützt, die zu dem Ergebnis kam, dass die Spieler mehrheitlich Handwerker, Industriearbeiter und kleine Angestellte waren. Nach der neuen Studie ergibt sich für 2003 folgendes Bild:
Fasst man die Handwerker, die Auszubildenden im Handwerk und die Arbeiter sowie die kleinen Angestellten zusammen, entsprechen heute nur noch 23 % der Amateurfußballer dem Bild der 70er Jahre, wobei man relativierend berücksichtigen muss, dass sich die Gesellschaft zunehmend von der klassischen Industriegesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt hat und damit insgesamt auch der Arbeiteranteil abgenommen hat. Dennoch scheint Fußball heute eher ein Sport der mittleren und gehobenen Mittelschicht, weniger der Unterschicht zu sein. Das wird noch deutlicher – auch mit Blick auf die zukünftige Entwicklung – wenn man sich die Schulabschlüsse der Spieler anschaut:
Der Anteil der befragten Amateurfußballer, die Abitur bzw. Fachabitur besitzen, liegt bei 56,6% und ist damit mehr als doppelt so groß als der Anteil in der Gesamtbevölkerung, der laut Statistischem Bundesamt 2002 bei ca. 27% lag. Da Menschen mit hohem Bildungsniveau in der Regel Berufe ergreifen, die mit hohem Sozialprestige und Einkommen verbunden sind, scheint in der Tat ein sozialer Aufstieg des Fußballs vorzuliegen.
Dass man in dieser Hinsicht allerdings zwischen verschiedenen Leistungsstufen noch differenzieren muss, zeigen die nebenstehenden Daten:
Die Ergebnisse lassen vermuten, dass zwischen dem Bildungsniveau der Spieler und dem Leistungsniveau im Amateurfußball ein positiver Zusammenhang besteht. Dabei erwiesen sich die Unterschiede innerhalb dieser drei Leistungskategorien allerdings als vergleichsweise gering. Man kann also soziologisch betrachtet deshalb von drei „Bildungstypen“ der Spieler mit Bezug auf die Leistungshierarchie im Amateurfußball sprechen. Die soziologische Erkenntnis aus vielen Untersuchungen, dass die allgemeine Leistungsbereitschaft im Sport von Menschen mit dem sozialen Status steigt, scheint sich hier anhand dieser Dreiteilung der Leistungsebenen zunächst zu bestätigen. Dabei ist festzustellen, dass aber auch das Bildungsniveau in den Kreisligen immer noch weit über dem Bundesdurchschnitt liegt und auch hier entsprechend überwiegend Personen aus der Mittelschicht aktiv sind. Ein Grund könnte in der Tatsache liegen, dass Amateurfußball den Spielern insgesamt eine gewisse Leistungsbereitschaft und Erfolgsorientierung abverlangt, möglicherweise nicht zuletzt durch ein zunehmend methodischeres Training, welches im Gegensatz zu früher auch schon in unteren Ligen entsprechende höhere Anforderungen an die Spieler stellt und weniger nur der spaßigen Unterhaltung dient. Nach einem harten Berufsalltag mit körperlicher Belastung ist dieses für viele Arbeiter wohl nur mit hoher Selbstdisziplin zu leisten, so dass nicht zwingend von einer geringeren grundsätzlichen Leistungsbereitschaft gesprochen werden kann, sondern auch andere Faktoren im Alltag der Spieler die Fußballkarriere hemmen können. Anhand der Angaben der Spieler lässt sich Amateurfußball im gewissen Sinne in der Tat als eine Leistungskultur bezeichnen:
Der hohe Anteil leistungsorientierter Vereinswechsel in der Jugend, die Selbstdisziplin eines nicht unerheblichen Teils der Spieler zur leistungsbewussten Ernährung, die von Vielen abgegebene Bewertung des Trainings als arbeitsförmige Tätigkeit, die häufige Wahrnehmung des Trainers als „Chef“ und die überaus positive Einstellung zu Leistung und Erfolg zeigen, dass der Leistungsaspekt im Amateurfußball insgesamt eine ganz wesentliche Rolle spielt.
Leistung und Erfolg sind offenbar in hohem Maße die Vorgaben, die die Systemstruktur (Wechselkultur/Trainingsgestaltung) des Amateurfußballs, die soziale Rolle des Trainers und die Einstellung der Spieler erheblich bestimmen.
Gerade für Oberligaspieler (durchschnittlich angegebene 4,3 Trainingstage/Woche bei durchschnittlichen 743 EUR/Monat Aufwandsentschädigung), aber auch für Verbandsligaspieler (3,4 Tage/396 EUR) dürfte Amateurfußball gewissermaßen auch den Charakter einer Erwerbstätigkeit besitzen. Der damit verbundene zeitliche, körperliche und mentale Aufwand kann als Grund herhalten, warum hier besonders viele Studenten (36 %) aktiv sind und weniger körperlich arbeitende Personen (14 %), denn für viele Berufstätige wäre dieses eine enorme Zusatzbelastung. Umgekehrt ist das Verhältnis in den Kreisligen, wo 20 % Studenten sind und immerhin 24 % in ihren Berufen körperlich arbeiten, als Handwerker, Arbeiter, Landwirte etc. Entwickelt man diesen Gedanken weiter, gelangt man zu der Feststellung, dass nicht allein das Talent über die Ligazugehörigkeit eines Spielers entscheidet. Eine wichtige Rolle spielt offenbar auch die Alltagssituation bzw. der allgemeine Lebensentwurf eines Spielers. Auch die folgenden Daten lassen stark vermuten, dass die Fußballkarriere im Leben der Spieler einen unterschiedlichen Stellenwert besitzt.
Während nur 17 % der Ober- und Verbandsligaspieler ihre Karriere einmal unterbrochen haben, steigt dieser Anteil in den Kreisligen um das Dreifache auf 51 %. Es scheint also folgender Zusammenhang zu bestehen: Je leistungsorientierter jemand Fußball spielt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer starken Bindung an seinen Sport, desto höher dann die Wahrscheinlichkeit eines kontinuierlichen Karriereverlaufs. Dabei ist deutlich darauf hinzuweisen, dass diese unterschiedliche Leistungsorientierung und der Grad der Bindung an den Vereinsfußball nicht nur Folge einer grundsätzlich unterschiedlichen Leistungsbereitschaft sein muss, sondern eben bei vielen wohl mit der beruflichen Situation zusammenhängt. In dieser Hinsicht müssen weitere Auswertungen in den nächsten Wochen noch näheren Aufschluss geben.
Neben der beruflichen ist auch die soziale Situation, insbesondere die Unterstützung im sozialen Umfeld zu berücksichtigen:
Ein hoher Anteil der Oberliga- und Verbandsligaspieler konnte bzw. kann auf eine kontinuierliche soziale Unterstützung während der Karriere bauen. Im mittleren Leistungsbereich sinkt dieser zuvor ebenfalls hohe Anteil im Erwachsenenalter auffällig. Im unteren Leistungsbereich ist der Anteil der in der Jugend von den Eltern unterstützten Spieler auffällig geringer als bei den anderen. Dieser Anteil sinkt im Erwachsenenalter weiter. Zumindest liegt die Vermutung nahe, dass so mancher Spieler auch deshalb nicht in höheren Ligen auftaucht, weil entweder sein Talent nicht frühzeitig gefördert wurde oder das Ausschöpfen seiner sportlichen Möglichkeiten nicht mit der familiären Situation zu vereinbaren ist.
Zusammenfassung und Fazit
Zum Abschluss dieses Berichts sollen die wesentlichen Erkenntnisse kurz zusammengefasst und gedeutet werden:
• Die Sozialstruktur des Fußballs hat sich verändert. Fußball ist heute vornehmlich kein Unterschichts-, sondern ein Mittelschichtsphänomen, wobei das Bildungsniveau und der soziale Status der Spieler tendenziell mit dem Leistungsniveau steigt.
• Amateurfußball ist ein Hobby, das die Spieler mit hoher, von unten nach oben zunehmender Leistungsorientierung und hohem Aufwand betreiben. Der Anteil körperlich arbeitender Berufstätiger sinkt dabei mit steigendem Leistungsniveau, während der Anteil der Studenten steigt.
• Mit steigendem Leistungsniveau sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Spieler seine Karriere unterbricht.
• Mit steigendem Leistungsniveau können mehr Spieler ein höheres und kontinuierlicheres Maß an Unterstützung durch das soziale Umfeld während der Karriere vorweisen.